Mittagsposition: 49° 49.71 N, 006° 18.52 W, Etmal: 108,5 sm.
Aktueller Standort mit dem zurückgelegten „Pfad“.
Mittags stehen wir 2 Meilen südlich der Iles of Scilly! Seit gestern Abend sind wir in stark befahrenen Gewässern. Was das Leben nicht einfacher macht. Im Logbuch mehren sich die Einträge von Kontakten ohne AIS und mit unklarer Lichterführung. Per Radar bestimmen wir Kurs, Fahrt und CPA von diesen – meist wohl – Fischern. Theoretisch könnten es auch „Graue“ sein. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Navy sich anders verhalten würde.
Und dann kommt gleich ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Heimat: Zeitumstellung! Ab sofort sind wir auf UTC+1 = deutsche Winterzeit oder eben britische Zeit!
Ralf:
Die Nacht müssen wir weiter motoren. Chrischan hat zum Wachwechsel von Steuerbord- auf Backbordmotor umgestellt. In den Achterkojen liegt man nämlich mit dem Kopf direkt am Schott zum Motorenraum. So können wir bei Einzelbetrieb immer sicherstellen, dass das wachfreie Mannschaftsmitglied in der Koje keinen wummernden Motor über seinem Kopf hat. RE stampft gegen eine unangenehme Welle und Gezeitenströmung an. Wir hoffen, dass die Flautenzone des Hochs schnell über uns hinwegzieht, und wir an der Rückseite bessere Windverhältnisse bekommen.
Heute sind wir 4 Wochen in See und haben den Atlantik achteraus gelassen. Auf den Anzeigen erscheint nun auch wieder die Wassertiefe, 96 m. Die letzten Wochen konnten wir nur aus der Karte schätzen, ob 4 oder 6.000 m. Nicht, dass das viel Unterschied macht. 6.000 m sind eher besser, man braucht nur länger bis nach unten.
Wir passieren die Isles of Scilly mit dem Bishop’s Rock, einem berühmten Felsen an der Südwestecke. Vor ein paarzehn Jahren endete hier eine Regatta bei Sturm im völligen Chaos. Wir haben dagegen schönes, sonniges Sommerwetter, wünschen uns nur besseren Wind, und dass das elendige Stampfen aufhört. Und noch etwas hat sich geändert. Die schönen, eleganten Sturmtaucher sind verschwunden. Sie wurden durch ordinäre Möwen ersetzt, die sich um die Abfälle hinter den Fischkuttern und um Fischbrötchen am Strand balgen.
An Bord haben wir den nächsten tierischen Besuch. Chrischan machte mich schon bei Wachwechsel darauf aufmerksam, dass er einen Schmetterling an Bord gesehen hat. Mir gelingt es ihn zu fotografieren. Nach dem Foto identifiziert ChatGPT ihn als Distelfalter, ein Wanderfalter, der in Mitteleuropa häufig anzutreffen ist. Witzig finde ich, dass ChatGPT mir noch ein Lob für die gelungene Aufnahme und die gut erkennbare Flügelzeichnung ausspricht.
Am Nachmittag kommt dann der Höhepunkt des Tages, die Sonnenfinsternis, die an unserer Position zu 96% zu sehen sein soll. Man konnte merken, wie zur angegebenen Zeit das Licht schummeriger und die Luft kühler wurde. Mit bloßem, ungeschütztem Auge war aber die Abdeckung nicht zu erkennen. Die Sonne überstrahlte alles. Nur Chrischan’s mehrfach filterbestückte Kamera konnte es für uns sichtbar machen.
Der Wind bleibt schwach. Das Flautenhoch scheint sich gerade über uns festzusetzen und langsam mitzuziehen. Zum Abendessen gibt es selbstgefa...kaufte Fischstäbchen, mit Reis und gedünstetem Gemüsemix auf der Terrasse mit Blick auf Lizard Point, unser erstes sichtbares Land nach 4 Wochen. Weiter mit Motor geht es in die Nacht.
Chrischan:
Ich habe einen Mordsspaß daran: Im Kielwasser leuchtet das Meer, von dem Propeller aufgewühlt. Und über mir leuchtet die Milchstraße. Und heute besonders: Sternschnuppen. Selten muss ich bis 60 zählen, dass die nächste kommt. Perseiden sind schon toll! Grüße gehen bei jeder Sternschnuppe an meine „Sternschnuppen-Freundin“! Und an Markus, der es unvorstellbar findet, dass die Milchstraße in dunklen Nächten meine Welt erhellt. Ja – auch Sternschnuppen sehe ich, heute in Mengen!