2026 08 10 Eigentlich gut Ost

Mittagsposition: 49° 09.39 N, 012° 35.38 W, Etmal: 110,1 sm.

Mittagspositionen

Aktueller Standort mit dem zurückgelegten „Pfad“.

Der morgendliche Wachwechsel ist gekennzeichnet durch eine Winddrehung und zugleich eine Zunahme der Stärke. So wecke ich Ralf mit dem Winschengeräusch beim Hoch-Ziehen des Groß. Er schafft es aber innerhalb von Sekunden, wieder einzuschlafen. Doch Minuten später stehe ich dann an seinem Bett: Keine Gnade!

Da die Drehung auch noch ein Setzen der Fock ermöglicht, mache ich das auch noch schnell. Und dann der Moment der Glückseligkeit 1: Der Wind ist stark genug, dass ich nicht nur wie geplant den Stbd-Motor aus mache, sondern auch noch den Bbd-Motor NICHT starte! 3, 3.5, dann sogar mal 4 kn läuft RE! Super! Endlich kehrt wieder Stille ein, nur das Rauschen des Wassers am Rumpf, das Knarren der Leinen! Und ja – jetzt geh ich schlafen! Glückseligkeit 2! Gute Wache!

Was wir beide bei der Wach-Übergabe übersehen: Wir rutschen gerade unter die 1.000 Meilen Reststrecke! Na – das freut die Sekt-Vorräte! Wer weiß, ob wir nicht auf dumme Ideen gekommen wären! Hihihi! (Das wäre dann Glückseligkeit 3 gewesen! Ha!)

Ralf:

Um 2 Uhr rumpelt es an Deck. Chrischan setzt das Groß. Ich schlafe wieder ein, sodass er mich um 3 Uhr dann trotzdem wecken muss. Da ist dann auch die Fock gesetzt und der Motor aus. Wir befinden uns jetzt auf der Rück-/ Westseite des Hochs und der Wind dreht in südliche Richtung und nimmt langsam zu. Eine Freundin fragt mich über WhatsApp, wer mir eigentlich das Hochdruckgebiet namens „Ralf“, das gerade über unsere Position und den Südwestzipfel Englands gezogen ist, geschenkt hätte. Keine Ahnung, aber durch den Flautenkern sind wir gerade in der Nacht motort.

Die Hoch- und Tiefdruckgebiete kommen in endloser Reihe. Um das Hoch dreht sich der Wind im Uhrzeigersinn, um das Tief entgegen dem Uhrzeigersinn, mit unterschiedlicher Windstärke, die von den Druckunterschieden abhängt. Im Zentrum sind meistens umlaufende schwache Winde und Flaute. So könnte man sich ja theoretisch in einem Bereich des Gebietes aufhalten, wo der Wind mit der richtigen Stärke aus der richtigen Richtung kommt. Aber leider sind die Biester zu schnell, ziehen nördlich oder südlich an uns vorbei.

Chrischan:
Und wenn wir schon Wetterkunde für Landratten machen:
Die Luft fließt nicht – wie man im ersten Moment erwartet – vom hohen zum tiefen Druck. Also zumindest nicht direkt! Sondern fast genau rund um den hohen Druck aus diesem Gebiet heraus und wieder fast genau rund um den tiefen Druck in das Gebiet hinein. Damit muss die Luft ein Vielfaches des Weges zwischen Hoch und Tief zurücklegen und die Gebiete bleiben so lange erhalten…
So – genug der lehrerhaften Einlassungen, weiter Ralf:

Gegen 11 Uhr dann der Effekt, den wir jetzt schon mehrfach hatten. Plötzlich ist der Wind kurz weg und dreht dann für ein paar Minuten in die entgegengesetzte Richtung, um dann wieder zurückzuspringen. Das reicht aus, um RE aus dem Ruder laufen zu lassen, das Groß killt, die Fock steht back, und RE steht auch fast. Mit Motorkraft drehen wir sie wieder auf Kurs. Danach frischt der Wind auf und wir machen gute Fahrt, auch wenn es wieder hoch an den Wind geht, also gegen Wind und Wellen an.

Am Nachmittag kreuzen zwei Fischereifahrzeuge unseren Weg. Ziemlich nah. Der Schiffsverkehr nimmt langsam zu, was wir nach über 3 Wochen auf dem Atlantik nicht mehr gewohnt sind. Da muss man ja aufpassen und kann den Autopiloten nicht mehr machen lassen, was er will.

Abends gibt es Steak mit Linsensalat und einem Rest Reissalat mit Sprossen-Topping.

Beim Verfassen des heutigen Berichts kommt dann der Punkt „wie nennen wir den Tag?“. Für heute fallen uns nicht so recht passende Titel ein. Die ersten 3 Stunden waren ja noch unter Motor. Dann ging es schleppend unter Segel weiter. Sonne war nur wenig am Vormittag, richtig grau und nieselig war es auch nicht. Die Begegnung und das Ausweichen mit dem Fischer? Aber am Ende hatten wir ja gut Meilen gemacht. Also: „Eigentlich gut Ost“.