2026 08 15 Wir segeln zurück

Mittagsposition: 51° 39.66 N, 001° 59.19 E, Etmal: 103,1 sm.

Mittagspositionen

Aktueller Standort mit dem zurückgelegten „Pfad“.

Um 01.55 Uhr passieren wir die Line Dover-Calais. Und damit wecke ich dann Ralf um 03 Uhr: Hurra: Wir haben die halbe Reise hinter uns: Atlantik und Ärmelkanal liegen achteraus!
Jetzt noch Nordsee und Elbe!

Doch die Nordsee empfängt uns wie die Nordsee halt so ist: Recht windig, genau gegenan, grau, kühl! Regen würde ja das Salz abwaschen, den gibt es nicht. Wir beratschlagen kurz, wie es weiter gehen soll. Die Wettervorhersage ist immer besser geworden. Aus 3 – 4 Tage heftig Gegenwind sind nun 16 – 20 Stunden geworden. Und auch die Stärke ist von 25 – 30 kn auf 20 kn reduziert.

So beschließen wir, da eben mal ein paar Stunden gegenan zu gehen. Dann soll eine Flautenphase bis Montag früh kommen. Vielleicht wieder Motor? Und dann wird uns Nordwind westdrehend versprochen. Das könnte klappen...

Gegen den Wind heiß, wir müssen hin und wieder wenden. Und dann passiert das Unmögliche! Dass RE hoch am Wind eine Katastrophe ist, weiß ich ja. Gebe immer 70° an. (Boris Herrmann schafft mit seiner Maliza unter 30°!) Aber dieses Mal sind es mehr als 90°! Das heißt: Wir verlieren! Kommen nicht nur nicht in die Richtung, die wir wollen, sondern entfernen (!!!) uns! Nach intensiver Beratung beschließen wir: Das ist der starke Tidenstrom! Der drückt uns gewaltig zurück! (Siehe Bilder Screenshots der Navigation!)

Klar – an Dover bin ich mit über 8 kn bei mäßiger Eigenfahrt vorbei gezischt. Und nun kommt die Quittung. Aber im Laufe des Nachmittags sollen wir dann wieder Schiebestrom bekommen. Und so wird es auch….

Ralf:

Gegen 2 Uhr passieren wir Dover-Calais. Genau zu der Zeit sehe ich auf die Uhr. Witzig, wie eine Eingebung. Oben ist alles ruhig, also drehe ich mich für das letzte Stündchen Schlaf nochmal um. Zum Wachwechsel erzählt Chrischan, das bei Dover nicht viel los war und er gut Strecke gemacht hat. Dagegen macht er mir wenig Hoffnung, dass das so weitergeht.

Die Nordsee begrüßt uns mit grauem Himmel, graugrünem Wasser, einer unangenehmen Welle und einem starken Gezeitenstrom, genau gegenan, Nordseewetter halt. Wo ist nur der tiefblaue Atlantik geblieben. Der Wind nimmt zu, und selbst mit Motor stehen wir fast.

Chrischan, von den ruppigen Bewegungen geweckt, kommt hoch, und wir diskutieren, Segel oder nicht Segel. Die Entscheidung fällt für Segel, allerdings müssen wir dann hoch am Wind kreuzen. Juhuu, RE läuft mit Wind unter Segel über 7 kn. Allerdings werden die ruppigen Bewegungen gegen die Welle nicht weniger. RE stampft und wird von Strom und Welle heftig abgetrieben. Sorry RE, aber das konnten die alten spanischen Galeonen fast noch besser. Ich habe schon Sorge, dass wir auf unsere 8 Uhr-Position zurückgetrieben werden.

Der Schiebestrom kommt früher als erwartet. Von jetzt an macht Kreuzen richtig Spaß. Mit guter Fahrt machen wir Strecke zu unserem nächsten Wegpunkt gut, wenn auch nicht in direkter Richtung. RE muss zwar weiterhin ein paar harte Schläge einstecken, aber das ist Segeln pur. Nach ein paar kurzen Schlägen zwischen den Untiefen der Themsemündung und dem Verkehrstrennungsgebiet können wir dann zu einem langen Schlag Richtung Nord-Nordwest ansetzen. Zudem entdecken wir die Funktion ‚Wende‘ am Autopiloten. Wenn wir den in Windsteuerung fahren, d.h. ihm einen bestimmten Winkel zum Wind vorgeben, müssen wir nur noch die Segelstellung optimieren, drücken auf ‚Wende‘ und den Rest macht der Autopilot, geht auf den anderen Bug in exakt dem eingestellten Winkel. Wir sitzen nur staunend daneben.

An spezielle Arbeiten ist auf der bockenden RE nicht zu denken. So verbringen wir den Nachmittag mit Lesen, Computern, Kuchen und Heißgetränken, sowie, natürlich, Segelmanövern und Ausguck. Der Verkehr bleibt rege. Gerade hier in den Ansteuerungen von Kanal, Themse, Schelde und Maas/Rhein geht es kreuz und quer.

Wir hatten ja zuerst überlegt heute nach Oostende zu gehen und dort den erwarteten Starkwind gegenan bei einem guten belgischen Bier und einer Portion belgischer Friten abzuwarten. Aber die Wettermodelle ändern sich stündlich. Chrischan verspricht schon seit Tagen: ‚Morgen Mittag wird der Wind besser‘, aber irgendwie kommen die Wettervorhersagen dieses Jahr nicht mit der Klimaerwärmung oder dem El Nino klar. Wir nehmen zuverlässig jede Flaute seit dem Verlassen des Atlantiks mit. Aber Oostende liegt schon 35 sm zurück und in Anbetracht der neuen Vorhersagen versuchen wir lieber Strecke zu machen. Abends haben wir zumindest den nächsten Wegpunkt erreicht.

Wegen der ziemlich ruppigen Fahrt gibt es abends etwas nicht zu Aufwendiges: Köttbullar (Fleischbällchen) aus der TK, Reis, gedämpftes Gemüse und jetzt wirklich den Rest Linsensalat.

Chrischan:
Mein Tag endet „in action“. Mike ruft aus Coles Point an, neben ihm Brittany und Elias. Fehlt nur noch Alisha, dann wären meine ganzen CP-Freunde zusammen „auf Sendung“. Nur leider bin ich gerade vor der Einfahrt nach Rotterdam. Und hier ist die Hölle los!

Aus Norden kommen zwei Frachter direkt auf RE zu, aus Süden einer. Sie nehmen mich in die Zange. Bei dem inzwischen nachlassenden Wind habe ich nicht allzuviel Fahrt. Also nehme ich in den kritischen 10 Minuten noch einen Motor dazu. Die beiden aus Norden drehen dann nach Rotterdam rein und sind damit „safe“.

Und dem aus Süden laufe ich davon und rette mich ins freie Wasser. Denn hier gibt es eine Menge „Fahrstraßen“. Und da hab ich als Querläufer nicht das normale Vorfahrtsrecht des Segelbootes! Darunter leidet natürlich das Telefonat. Und in Amerika merken sie, dass ich ein wenig zu tun habe, denn sie verfolgen mich in MarineTraffic! So bekomme ich noch die besten Wünsche und „wenn einer das schafft, dann bist Du das!“ Nun – das ehrt und rührt mich, löst aber die Situation nicht selbstständig!

Zum Mitternachtsort ist es dann ruhig. Nur – der Wind lässt auch nach und der Gegenstrom setzt ein. Aber – das ist was für morgen!

Wir sind in der Nordsee angekommen! Der Wind ist nicht stärker, die Welle aber etws kürzer, was unangenehm!